Die große Heldenreise: Was Homers Odyssee und die 1997er Verfilmung uns heute noch lehren

Willkommen zurück auf Nostalgie und Nudelholz! Die aktuelle Verfilmung der Odyssee von Christopher Nolan schlägt derzeit hohe Wellen – und wer sich auf YouTube umsieht, findet bereits mehr als genug ausführliche Kritik daran. Wir sparen uns an dieser Stelle die x-te Bewertung des neuesten Blockbusters, der sicherlich seine Stärken, aber leider mehr Schwächen hat. Stattdessen konzentrieren wir uns in diesem Artikel lieber auf das Werk selbst und eine Adaption, die unserer Meinung nach absolut empfehlenswert ist und die Essenz des Epos wunderbar einfängt: Andrei Konchalovskys TV-Zweiteiler The Odyssey aus dem Jahr 1997. Das Beste daran? Ihr könnt euch dieses ebenfalls bildgewaltige Meisterwerk völlig kostenlos auf YouTube ansehen (Hier geht es direkt zu Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=g1jzQW7Volw).

Homers Odyssee ist - und als faszinierende literarische Vorlage offenbar bis heute - weit mehr als eine bloße Aneinanderreihung von Monstern, Zauberinnen und exotischen Inseln. Sie erzählt von einem Mann, der nach einem zehnjährigen Krieg nach Hause will – und dabei immer wieder an seinen eigenen Entscheidungen, an den Göttern und - im Gegensatz zu seiner heldenhaften Tapferkeit und Klugheit - vor allem an seiner Überheblichkeit scheitert.

Homers Epos liest sich im Grunde wie eine gut durchdachte Analyse von menschlichen Wertbildern, Motivationen und Herausforderungen - zwischen dem Drang nach Ruhm und Heldenverehrung, zum  größten Wunsch nach Heimkehr, bis zum bloßen Überleben. Jede Insel ist ein völlig neues Szenario, mit eigenen Herausforderungen und Bedingungen, die harte Entscheidungen bis moralische Prüfungen mit sich bringen.

Lassen wir uns also auf die wichtigsten Stationen ein – und darauf, wie die 1997er Verfilmung, dies zwar nicht durchgehend „werkgetreu“, aber als eine visuell gewaltige, moderne, aber im Kern absolut passende bis interessante Interpretation umsetzt. 

1. Die Lotusesser: Die sanfte Falle des Vergessens

Bevor Odysseus dem Zyklopen begegnet, landet er bei den Lotusessern. Hier gibt es keine blutrünstigen Monster, sondern eine viel subtilere Gefahr: Die süße Lotusfrucht lässt jeden, der sie isst, seine Heimat und sein Ziel vergessen.

In Homers Original ist dies eine der gefährlichsten psychologischen Prüfungen. Es geht um Nostos (die Heimkehr) und die Gefahr der Apathie. Die Männer wollen nicht mehr kämpfen und nicht mehr nach Hause; sie geben sich dem ewigen Rausch hin. Odysseus muss sie mit Gewalt auf die Schiffe schleifen.

Im Film (1997): Konchalovsky lässt diese Episode in seiner Adaption fast vollständig weg oder strafft sie extrem. Das ist eine typische Entscheidung für viele Verfilmungen, die sich oft lieber auf die aktiven Konflikte konzentrieren. Es unterstreicht aber im Umkehrschluss, wie sehr sich die 1997er Serie auf Odysseus als treibenden, handelnden Taktiker fokussiert – für die Versuchung des passiven Rausches ist hier schlicht kaum Platz.


2. Polyphem: Wenn Verstand mächtiger ist als größere Stärke

Eine der berühmtesten Episoden ist die Begegnung mit dem Zyklopen Polyphem. In der antiken Vorlage prallen hier zwei Weltanschauungen aufeinander. Polyphem bricht das für die griechische Gesellschaft heiligste Prinzip der Xenia (des Gastrechts), indem er seine Besucher nicht als Schutzbefohlene, sondern bestenfalls als Nahrung betrachtet.

Odysseus kann ihn körperlich nicht besiegen. Also greift er zu seiner Metis – seiner klugen, situationsbezogenen List. Der legendäre Trick, sich als „Niemand“ (Outis) auszugeben und den Zyklopen zu blenden, funktioniert. Doch das Originalwerk und die Verfilmung zeigen auch die Kehrseite: Odysseus gefährdet den Erfolg durch seine eigene Hybris, als er bei der Flucht prahlend seinen wahren Namen ruft und so den Zorn Poseidons auf sich zieht.

Im Film (1997): Armand Assante spielt Odysseus hier nicht in erster Linie als strahlenden Krieger, sondern als brillanten Taktiker, der unter extremem Druck improvisieren muss. Die rohe, animalische Gewalt Polyphems wird grandios durch die aufwendige Effektarbeit aus Jim Henson's Creature Shop zum Leben erweckt, was die physische Bedrohung extrem greifbar macht.


3. Kirke: Die Versuchung und der Verlust der Menschlichkeit

Auf der Insel der Zauberin Kirke werden die Männer des Odysseus in Schweine verwandelt. Mithilfe des Götterboten Hermes kann Odysseus ihrem Zauber widerstehen, woraufhin sie sich ihm unterwirft – das Schiff bleibt jedoch ein ganzes Jahr auf der Insel.

Bei Homer steht Kirke für die Gefahren von Luxus, Verlangen und die Rückentwicklung des zivilisierten Menschen zum Tier, wenn er seinen Trieben nachgibt. Die Station ist eine harte Lektion in Selbstbeherrschung, bei der Odysseus selbst beinahe sein Ziel aus den Augen verliert.

Im Film (1997): Bernadette Peters spielt Kirke als unglaublich verführerische, manipulative Präsenz. Die Serie betont hier stark die Erotik und die Gefahr, sich im Vergnügen zu verlieren. Die Verfilmung macht spürbar, wie trügerisch die Zeit auf der Insel verfliegt und wie verlockend es für einen kriegsmüden Helden ist, den vergnüglichen Komfort gegen die herausfordernde, gefährliche See einzutauschen.


4. Die Unterwelt: Achilles, der totale Verlust versus das Heldenideal

Dies ist der intellektuelle und philosophische Dreh- und Angelpunkt des Werkes. Odysseus steigt in die Welt der Toten hinab und begegnet dort dem Schatten seines Waffengefährten Achilles. Odysseus versucht, ihn zu trösten, indem er auf dessen unsterblichen Ruhm (Kleos) als Herrscher unter den Toten verweist.

Achilles weist diesen Trost jedoch zurück. Sinngemäß sagt er: Lieber wäre ich ein armer Tagelöhner unter den Lebenden, als Herrscher über die Toten.
In der Ilias (dem Epos des kollektiven Kriegerruhms) ging es ausschließlich um das Kleos, für das junge Männer bereitwillig starben. In der Odyssee wird dieses Ideal radikal hinterfragt – nicht nur durch Achilles' Wort, der auch im Heldentum oder vielleicht nur Überleben seines Sohnes etwas Trost findet, sondern noch offensichtlicher durch das Schicksal der Gefährten.

Der Verlust der gesamten Besatzung und des Sieger-Status: Während ein antiker Feldherr in der Ilias durch seine Flotte, seine Truppen und reiche Beute definiert wird, verliert Odysseus auf seiner Irrfahrt absolut alles. Er scheitert letztlich als Beschützer, kann seine Männer trotz Metis nicht retten und wird am Ende nackt und isoliert an den Strand gespült – das genaue Gegenteil eines triumphierenden Generals.

Das Ende der Führungsrolle und Waffenbrüderschaft: Das heroische Sterben als Held im Kollektiv der Armee weicht der harten Realität des Einzelnen. Die Gefährten sterben auch durch eigenen Frevel (die Helios-Rinder) und Odysseus muss zusehen, wie durch seine mittlerweile verlorene Führungs- bzw. Heldenrolle trotz seiner Warnungen seine Mannschaft ausgelöscht wird.

Resilienz statt Heldenideal: Der eigentliche Paradigmenwechsel liegt darin, dass wahre Größe in der Odyssee nicht mehr in makelloser Stärke oder durch gewonnene Schlachten und Eroberungen erlangten Heldenglanz liegt. Sie zeigt sich in der reinen, schmerzhaften Widerstandskraft (Resilienz) eines Menschen, der alles verloren hat, die Schuld seiner Entscheidungen trägt und auf das Wesentliche fokussiert weitergeht.

Im Film (1997): Konchalovsky inszeniert den Hades als düsteren, klaustrophobischen Abstieg über einen Feuerfluss. Wenn Assantes Odysseus den Worten des Achilles lauscht, sieht man in seinem Gesicht, wie das alte, ruhmreiche Heldenideal zerbricht und der nackte Überlebenswille die Oberhand gewinnt.


5. Die Sirenen: Die größte Verlockung

Nach der Unterwelt muss Odysseus an den Sirenen vorbei, deren Gesang Seeleute in den Tod lockt. Er verstopft seinen Männern die Ohren mit Wachs, lässt sich selbst aber an den Mast fesseln, um den Gesang dennoch hören zu können.

In der Antike versprachen die Sirenen nicht einfach nur schöne Melodien, sondern absolutes Wissen und die Erkenntnis aller Dinge. Odysseus' Entscheidung, am Mast gefesselt zuzuhören, zeigt seinen weiterhin oder noch stärkeren unbändigen Durst nach Erkenntnis.

Im Film (1997): Diese Szene wird visuell und auditiv grandios umgesetzt. Der Gesang wird als unerträgliche psychologische Zerreißprobe für Odysseus inszeniert. Assante windet und schreit am Mast in absoluter Qual, während seine taube Mannschaft stoisch weiterrudert. Es ist ein beklemmendes Bild für die schmerzhafte Verlockung, alles hinter sich zu lassen, und fängt die pure Verzweiflung des Helden meisterhaft ein.


6. Skylla und Charybdis: Die Entscheidung ohne gute Lösung

Auf der einen Seite lauert Skylla, ein sechsköpfiges Monster. Auf der anderen Seite der gigantische Strudel Charybdis. Die Zauberin Kirke warnt Odysseus: Er soll nah an Skylla vorbeisegeln. Der Grund ist simpel und grausam: Der Verlust von sechs Männern an Skylla ist das kleinere Übel gegenüber dem totalen Untergang des Schiffs in der Charybdis.

Homer formuliert hier eine Situation, in der es schlicht keine gute Entscheidung gibt. Odysseus verschweigt seinen Männern ihr Schicksal, aus Angst, sie würden andernfalls nicht weiter rudern. Als moderne Metapher lässt sich das durchaus als eindringliches Bild für die Last der Verantwortung lesen – ein Anführer unter extremem Druck einer schwierigen Entscheidung mit jedenfalls negativen Konsequenzen.

Im Film (1997): Die Ausweglosigkeit dieser Passage wird durch praktische Effekte und frühe CGI physisch spürbar. Der Sog des Wassers und die Panik der Männer sind intensiv, doch die eigentliche Brillanz liegt im ungeschönten, inneren Schmerz des Odysseus, der diese Opferung im Stillen ertragen muss.


7. Das Finale: Bogen, Blut und bittere Rache

Die Heimkehr nach Ithaka ist kein einfaches Happy End. Odysseus muss sein besetztes Zuhause von den Freiern zurückerobern. Die sogenannte Mnesterophonia (der Freier-Mord) ist der blutige Höhepunkt. Hier zeigt sich besonders gut, wie die 1997er Verfilmung sich von der Vorlage inspirieren lässt, aber eigene filmische Akzente setzt:

Der Bogen: Bei Homer spannt der als Bettler verkleidete Odysseus den Bogen, schießt den Pfeil durch die zwölf Äxte, und Zeus lässt als göttliches Zeichen den Donner rollen. Im Film fehlt der Donner – stattdessen liegt der Fokus ganz auf der menschlichen Spannung, der kriechenden Demut des Bettlers und der blanken Fassungslosigkeit der Freier.

Die Enthüllung: Homer beschreibt, wie Odysseus seine Lumpen abwirft, um den Kampf zu beginnen. Im Film reißt sich Assante die Maskerade herunter, und seine Verwandlung vom gebrechlichen Mann zum vor Wut bebenden Kriegsherrn ist gewaltig. Der erste Pfeil trifft – wie im Epos – den Freier Antinoos.

Das Massaker: In der antiken Vorlage ist es ein methodisches Abschlachten, bei dem die Göttin Athene aktiv eingreift und die Ordnung durch Gewalt wiederherstellt. Konchalovsky verzichtet auf das sichtbare Eingreifen der Götter im Kampf. Das Gemetzel ist roh, blutig und chaotisch. Vater und Sohn (Telemachos) kämpfen Seite an Seite.

Der dunkle Preis: Bei Homer folgt nach dem Kampf ein besonders problematischer Aspekt: Zwölf Mägde, die sich mit den Freiern eingelassen hatten, müssen die Halle reinigen und werden danach brutal gehängt. Die Verfilmung klammert diese extreme Härte aus. Der Fokus liegt stattdessen auf der symbolischen Waschung der Halle.


Fazit: Warum diese Geschichte nichts von ihrer Bedeutung verloren hat

Die 1997er Verfilmung ist kein historisch perfektes Abbild Homers, sondern eine große, bildgewaltige und teilweise moderne aber im Kern dennoch getreue Interpretation. Und genau das macht sie so spannend und besonders.

Der klassische antike Heldenmythos – geprägt von unsterblichem Ruhm, göttlicher Abstammung und makellosen Siegern – bröckelt in der Odyssee bereits. An seine Stelle tritt ein Motiv, das moderne Filme und Serien bis heute antreibt: der Kampf ums nackte Überleben und der psychologische Preis der Verantwortung und der Konsequenz von falschen Entscheidungen bis übertriebenem Stolz. Ähnlich wie in Superheldenfilmen, Dystopien bis Science-Fiction-Dramen oder düsteren Western suchen wir auf der Leinwand längst nicht mehr den unfehlbaren Helden oder Halbgott, sondern den gezeichneten, anpassungsfähigen Menschen, der trotz seiner Narben und mit der gewonnenen Erkenntnis und dem Fokus auf das Wesentliche weitermacht.

Diese moderne Interpretation berührt uns tief, weil wir die Grundstrukturen aus unserem echten Leben kennen. Der Konflikt zwischen größerer Stärke oder Macht versus kluger Taktik begegnet uns heute im Kleinen – sei es bei herausfordernden Verhandlungen, in komplexen Situationen oder in der alltäglichen menschlichen Dynamik. Wir kennen auch Situationen, wo wir zwischen zwei Übeln wählen müssen. Wir kennen den Wunsch, nach einer langen, kräftezehrenden Phase einfach wieder zur Ruhe kommen zu wollen. Und wir verstehen dadurch, dass Odysseus kein perfekter Held ist. Er ist ein Mensch, der mit herausfordernden Situationen ringt, dessen größte Stärke sein Mut und seine Klugheit ist, aber dessen größte Schwäche oft seine Fehleinschätzung bis Selbstüberschätzung bzw. eigenem Stolz bleibt.

Sieh dir den Film an und/oder lies das Original und finde deine eigene Erkenntnis aus diesem wunderbaren und abenteuerlich und psychologisch spannenden Meisterwerk!